Inneres Schweigen

Unser Ich-Gefühl begleitet uns wie ein beständiges Zentrum, von dem aus wir die Welt betrachten. Doch zugleich bringt es eine ständige Unterscheidung mit sich: zwischen mir und dem Anderen. Dieses Selbstgefühl immer wieder zu erneuern, ist ein energieaufwändiger Prozess – gespeist von Vergleichen, Sehnsüchten oder Widerständen.

Das eigene Selbstgefühl definiert sich dadurch, dass ich es selbst bin, welche:r die eigenen Gedanken verursacht und denkt, die Aufmerksamkeit in Bezug auf innere und äußere Reize steuert und sich mit bestimmten Werten oder Personen verbunden fühlt.

Die Perspektive dieses Ich-Gefühls – als eine Meinigkeit und als ein Zentrum, von dem aus die Welt betrachtet wird – ist durchgängig und bildet eine konstante, grundlegende Ich-Erfahrung.

Überraschende innere Bewegungen

Manchmal jedoch ist man verwundert, welche Gefühle und Gedanken ungewollt und spontan auftreten – vergleichbar mit körperlichen Reflexen, wie etwa der Hand, die schneller als eine bewusste Absicht von einer Brennnessel zurückgezogen wird. Oft stellt sich im Nachhinein die Frage: „Warum habe ich das gesagt oder getan? War das auch ich?“

Nicht nur Vorteile

Die Selbstbezogenheit hat evolutionäre Vorteile wie etwa die, eine eigene durchgängige Geschichte zu erinnern, Verantwortung für eigene Handlungen zu übernehmen oder die Zukunft zu planen. Andererseits erfordert die Ich-Perspektive, dass eine Unterscheidung zur Umwelt eingenommen wird. Es gibt mich und das Andere, also eine Trennung zur Umwelt. Überdies ist es ein fortwährend energieaufwändiger Prozess, das Selbstgefühl immer wieder zu erneuern und sich mittels Vergleiche mit dem Anderen, Unterscheidungsmerkmale, Sehnsüchte oder Widerstände ein Meinigkeitsgefühl regelmäßig in Erinnerung zu rufen und zu aktualisieren.

Meditation und das Erkennen automatischer Prozesse

Auch in der Meditation tauchen diese automatisierten Bewusstseins- und Gedankenvorgänge beständig auf. Durch die Übung der meditativen Wachheit werden diese natürlichen inneren Bewegungen immer vertrauter, sodass eine neutrale Beobachtung möglich ist. Gedanken und Gefühlszustände werde nicht mehr bewertet oder verändert, sondern mittels inneren Schweigens akzeptiert und belassen. 

Die Praxis des inneren Schweigens

Schweigen bedeutet nicht mehr im bewussten zielorientierten Handeln zu sein. Mit dieser wahllosen Achtsamkeit findet keine Steuerung, keine Fokussierung mehr statt, es wird keine Auswahl getroffen, weil alles geschehen darf. Eine Praxis stillen Schweigens zum Innen und Außen. Dieses innere Nicht-Handeln ist die Grundvoraussetzung von Autonomie, also einer Befreiung vom Kampf gegen die eigene Natur. Es ist ein vollständiges Einlassen und Vertrauen in den Fluss des eigenen Wesens.

Wenn du an die letzten spontanen Gedanken oder Gefühle zurückdenkst, die dich überrascht haben:
Kannst du sie – ohne Bewertung – einfach nur als Bewegung des Geistes wahrnehmen, so wie der Wind durch die Bäume zieht?

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